The Implementation of an Open Learning-Environment under World Wide Web

Fangen wir ganz am Anfang an. Meine erste eigene Publikation:
Wolf, Karsten D. (1995): The Implementation of an Open Learning Environment under World Wide Web. In H. MAURER (Hrsg.): Multimedia and Hypermedia, 1995. Proceeding of ED-MEDIA 1995, Graz. (AACE) Charlottesville, 689-694. (Persönlichen Download anfordern)

Abstract: This paper describes the implementation of a W3-Server currently under evaluation in a vocational school. The teaching-learning-arrangment is based on the (to-be-researched) concept of self-organized learning. The paper presents the functionality of the system, including a media centre, an expo, a communication centre and a corporation. The system enables the students to create their own documents and links with no further knowledge of the underlying Hypertext Markup Language (HTML) and to communicate and cooperate with each other. Other forms of interactive media and standard applications can be integrated. After a discussion of the technical details of the system the author introduces additional features needed in the World Wide Web for educational purposes.

Das Abstract deutet es an: hier beschreibe ich meinen wohl wichtigsten Forschungsschwerpunkt. Die Unterstützung von Lehr-Lern-Prozessen durch das eigenständige Erstellen von Inhalten im Web. Und das ganze mehr als zehn Jahre vor Web 2.0. Um genau zu sein, wurde das System in der Schule mit Netscape 0.9x eingesetzt, also sozusagen noch vor dem Web 1.0. Was genau sollten die Lernenden denn nun in dem System machen können?

(1) create their own documents and construct links between documents without further knowledge of the underlying Hypertext Markup Language (HTML) and
(2) communicate with each other to
(3) cooperate and collaborate on their work / learning.

Das ganze habe ich dann als "five Cs of educational media" bezeichnet. Das ist ein Idee gewesen, die sich als recht tragfähig erwiesen hat, in meiner Dissertation (2001) habe ich das dann nochmal etwas detaillierter dargestellt:
5Ks
Dieses Bild und vor allem die Frage, ob es nicht noch viele andere Cs (bzw. Ks) gibt (z.B. Koordination oder Konkurrenz), ist eine gute Frage, die ich aber hier noch nicht diskutieren will (falls das jemand will, dann sei es so), sondern das bei der Diskussion der Dissertation nachholen.

Als ich mich mit dem Thema "Internetbasierte Lernumgebungen" Ende 1993 anfing zu beschäftigen, waren immer noch sogenannte MUDs (Multi-User Dungeons) bzw. deren objektorientieren Versionen (MOO) sehr angesagt. Ich wollte eigentlich unter NeXTSTEP ein GUI für ein MOO aufbauen (sozusagen ein textbasiertes SecondLife), das per Distributed Objects mit einem Server kommuniziert, merkte jedoch schnell, dass ich auf Schulrechnern kein NeXTSTEP für Intel aufspielen konnte. Trotzdem fand ich damals die Idee einer ortsbasierten Navigation sehr einleuchtend (und sollte dieses Grundprinzip auch für eine spätere Iteration der Software beibehalten). Die Benutzer konnten also vier Bereiche betreten:
(1) Das Medien-Center: Ein Leseraum mit Zugang zu fertigen Hypertexten (von den Lehrenden) und den Texten der Mitschüler sowie ein Editierraum, in dem die Lernenden selbst Texte erstellen konnten.
(2) Die Expo: hier konnten die Schülerinnen und Schüler Textdokumente sowie hochgeladene Dateien (z.B. Excel-Files, der Unterricht fand in einer kaufmännischen Berufsschule statt) der anderen Personen im System anschauen.
(3) Das Kommunikationszentrum mit einer Tafel (in Facebook würde man Wall sagen), eine Feedback-Box an mich, Diskussionsräume (threaded newsgroups) sowie eine interne Mailfunktion.
(4) Eine Unternehmens"simulation", die von den beteiligten Lehrern in Toolbook (ein Hypermedia Authoring System von Microsoft Mitgründer Paul Allen, welches später unter dem Namen Click2Learn firmierte und mittlerweile Teil der Firma Sumtotalsystems ist).

So sah der Eröffnungsscreen aus:
SoLe/W3

Und Jahre später in der Dissertation nochmal nett zusammengefasst:
SoLe/W3-Überblick

Das Editieren von Beiträgen funktionierte über die guten alten HTML-Formulare (hier ein recht undeutlicher Screenshot), was die Sache sehr einfach machte. Einfach den Inhalt des Beitrages in das Formular tippen und speichern - die Grundfunktion des Content Management Systems:
Editing a document

Eine weitere Besonderheit war die Möglichkeit, dass beim Erstellen von Hyperlinks zu einer anderen Seite automatisch auch auf der verlinkten Seite angezeigt wurde, woher der Link kam - die Grundidee des Trackbacks also. Die hatte ja auch bereits Vannevar Bush in den 1950er Jahren beschrieben, also wurde es auch langsam Zeit, das mal umzusetzen. Besonders interessant allerdings war die Art und Weise, wie die Links gesetzt wurden. Schauen wir uns mal folgende Abbildung an (in der deutschen Benutzeroberfläche stand natürlich Start und Ziel), welches das Bedienelement für die Hyperlinkerstellung darstellt und unter jeder benutzergenerierten Seite stand:
LinkInterface

Wenn nun ein/e Benutzer/in einen Hyperlink auf eine Seite erstellen wollte, klickte er/sie auf der Zielseite auf Ziel und auf der Startseite (von der der Link ausgehen sollte) auf Start. Der Link und der Back-Link wurden automatisch auf die Seiten eingefügt. Das funktionierte wunderbar.

Die Implementation nutze als Webserver Win-HTTPD, die erste Windows-Portierung des HTTP-Daemons. Da es damals für Windows für Workgroups 3.11 nur ein noch leicht experimentelles Visual Basic (sic!) CGI gab, wurde das mein erstes (aber auch einziges) Visual Basic Projekt. Eine Datenbank gab es nicht, alles wurde in Dateien geschrieben, so wie das auch heute noch so manches gute Perl-basierte System macht.

Fassen wir nochmal kurz zusammen:

  • Erstellung eigener Inhalte für Personen mit 0% Kenntnissen von HTML, WWW oder Internet
  • Öffentliche Darstellung von "User Generated Content"
  • Lernen durch Lehren/Design
  • Links und Back-Links/Trackbacks
  • Serverbasiertes System unter WWW
  • Im Schuleinsatz Winter 1994

Richtig spannend für mich war es jetzt nun, mir Abschnitt 4 "Additional features needed in the World Wide Web for educational purposes" nochmal durchzulesen. Was hatte ich denn dazu 1994/95 so alles an Ideen? Hier einige der Punkte:

  • Als technische Probleme sah ich das Fehlen von visuellen Feedbacks der Image-Maps für die Link-Erstellung, keine lokalisierten Web-Browser, Bugs in Netscape 1.0, komplizierte Administration des Webservers. Da kann man heute sagen: das stellt alles kein Problem mehr dar.
  • Als Vorteile sah ich die Unterstützung der 5K sowie Logfiles zur Analyse der Benutzeraktivitäten. Das würde ich auch heute sagen.
  • Wünschen tue ich mir "inlined media", heute würde man sagen "Einmal Flash-Video, bitte!", sowie Push-Möglichkeiten des Servers zur Realisierung von synchronen Aktivitäten (was heute mit Flash zu realisieren wäre)

Soweit, so gut und erstaunlich wenig peinlich. Interessant finde ich den folgenden Punkt, der auch heute noch aktuell ist:

One key point is to make the users visible to each other. Today the Web often resembles television. A lot of people are looking at the same information at the same time, but they don't know about each other.

Im Text schlage ich dann Chats und MUDs/MOOs sowie Videokonferenzen vor, aber heute forscht ganz aktuell Helge Städtler an dieser Frage, wie man im Netz Sichtbarkeit schaffen kann - und das viel effizienter als SecondLife & Co.

Ganz am Ende ist dann große Freude ausgebrochen, aber das ist ja auch verständlich. Schließlich ist ja alles wahr geworden :)

Posted by Karsten D. Wolf on 8. August 2007
Tags: E-Learning, English, LCMS, WWW

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